Woher hat der Ohrenbackensessel seinen Namen?
Wer diesen Sessel zum ersten Mal sieht, fragt sich unweigerlich, wie er zu seinem Namen gekommen ist. Die Antwort steckt in seiner Form: Die markanten seitlichen Erhöhungen an der Rückenlehne, die den Kopf von beiden Seiten einfassen, erinnern an Ohren. Daher der Name — Ohrenbackensessel. Im Englischen heißt das Möbelstück „Wingback Chair“, was die gleiche Idee beschreibt: Flügel, die den Sitzenden umhüllen.
Diese Form ist keine reine Zierde. Sie hat einen konkreten funktionalen Ursprung, der sich aus den Wohnverhältnissen vergangener Jahrhunderte ergibt und der erklärt, warum der Sessel bis heute seinen unverwechselbaren Charakter behalten hat.

Historischer Ohrensessel in aristokratischem Interieur
Der Ursprung: Zugluft und Kaminfeuer im 17. Jahrhundert
Der Ohrenbackensessel entstand im England des 17. Jahrhunderts. In einer Zeit, in der Häuser schlecht isoliert waren und Fenster undicht, gab es an Kaminsitzen ein praktisches Problem: Wer nah am Feuer saß, bekam Wärme von vorne, aber kalte Zugluft von der Seite und von oben. Die erhöhten Seitenlehnen lösten dieses Problem, indem sie den Kopf- und Schulterbereich vor seitlichem Luftzug abschirmten.
Der Name „Ohren“ oder „Backen“ bezieht sich dabei auf die gepolsterten Seitenteile, die wie abstehende Ohren aus der Rückenlehne herausragen. Im frühen 18. Jahrhundert war dieser Sesseltyp in englischen Herrenhäusern weit verbreitet. Bibliotheken und Salons, in denen man las oder Gespräche führte, waren die typischen Aufstellorte.
Gesellschaftlicher Status und handwerkliche Tradition
In der Entstehungszeit war ein gut gearbeiteter Ohrenbackensessel ein teures Stück. Robuste Lederbezüge, aufwändige Polsterungen mit Rosshaar oder Seegras und handgefertigte Holzgestelle aus Eiche oder Nussbaum machten das Möbelstück zu einem Statusobjekt wohlhabender Familien. Die Handwerker, die solche Sessel fertigten, waren spezialisierte Polsterer, deren Arbeit jahrelange Ausbildung voraussetzte.
Im Biedermeier, also in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, verbreitete sich der Typ auch in bürgerlichen Haushalten. Die Ohren verloren dabei ihren ursprünglichen Schutzcharakter gegen Zugluft, da Häuser besser gebaut wurden. Sie blieben aber als Gestaltungsmerkmal erhalten, weil die Form als besonders gemütlich und einladend empfunden wurde.
Materialien: was klassische Modelle ausmacht
Leder war über Jahrhunderte das bevorzugte Material für Ohrenbackensessel. Es ist strapazierfähig, lässt sich gut reinigen und entwickelt mit der Zeit eine Patina, die dem Möbelstück Charakter verleiht. Vollnarbenleder der höchsten Qualität hält bei guter Pflege 25 Jahre und mehr.
Samtbezüge kamen im 19. Jahrhundert in Mode und gaben dem Sessel einen weicheren, dekorativeren Charakter. Heute werden Ohrensessel in nahezu allen Bezugsmaterialien angeboten: von Wollstoffen über Velours bis zu modernen Kunstledern und Mikrofaser.
| Material | Pflegeaufwand | Optik | Typische Lebensdauer |
|---|---|---|---|
| Vollleder | Spezialreiniger, regelmäßig pflegen | Klassisch, entwickelt Patina | 25 Jahre und mehr |
| Samt/Velours | Absaugen, Florrichtung beachten | Retro, warm, dekorativ | 10 bis 15 Jahre |
| Wollstoff | Absaugen, punktuell reinigen | Natürlich, zeitlos | 15 bis 20 Jahre |
| Mikrofaser/Kunstleder | Feuchtes Tuch | Modern, pflegeleicht | 8 bis 12 Jahre |
Die Form als Designelement
Was ursprünglich eine funktionale Lösung für zugige Räume war, ist heute vor allem ein ästhetisches Merkmal. Die umschließende Form des Ohrenbackensessels schafft eine optische Eigenständigkeit, die kaum ein anderer Sesseltyp erreicht. Die Silhouette ist so charakteristisch, dass das Möbelstück in einem Raum immer als Blickfang wirkt, egal ob klassisch oder modern ausgeführt.
Moderne Designer haben die Grundform auf unterschiedliche Weise interpretiert. Einige reduzierten die Ohren auf schmale Andeutungen aus Metall oder dünnem Holz. Andere übertrieben die Form und schufen übergroße Seitenteile, die fast die gesamte Sitzschale umschließen. Beide Richtungen beziehen sich auf das gleiche historische Vorbild und machen deutlich, wie viel gestalterischer Spielraum in einem Möbeltyp mit klar definierter Grundform steckt.
- Klassisch: Hohe Rückenlehne, deutlich ausgeformte Ohren, Leder- oder Samtbezug, Holzfüße gedrechselt oder gerade.
- Chesterfield-Variante: Tiefe Knopfheftung, gewölbte Rückenlehne, oft Echtleder. Charakteristisch für englischen Clubstil.
- Skandinavisch reduziert: Schlanke Ohren, helles Holzgestell, Woll- oder Boucléstoff. Leicht und luftig wirkend.
- Modern minimal: Ohren kaum ausgeformt oder als Metallrahmen angedeutet. Für reduzierte, urbane Einrichtungen.
- Retro: Senfgelb, Petrol oder Bordeauxrot, Samtbezug, schlanke Beine — an 1950er- und 1960er-Designs angelehnt.
Platzierung und Einrichtungskontext
Ein Ohrenbackensessel wirkt in fast jedem Raum, braucht aber etwas Platz, um seine Form voll zu entfalten. In Ecken aufgestellt, wo er von zwei Seiten an Wänden abgestützt erscheint, kommt die Silhouette besonders gut zur Geltung. Als einzelnes Stück in einem Wohnzimmer setzt er einen ruhigen Akzent, der keine Konkurrenz braucht.
In Arbeitszimmern, Bibliotheken oder Lesebereichen hat er seinen historischen Kontext und fügt sich dort besonders stimmig ein. Überraschend gut funktioniert er aber auch als Kontrapunkt in modernen, geradlinigen Einrichtungen, wo die geschwungene Form eine willkommene Abwechslung zur Strenge anderer Möbel bietet.
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